Zurück zu Kant und Wundt!

Psychologie als „Empirische Geisteswissenschaft“ auf dem Weg zu einer „psychologischen Anthropologie“ – Die Diskussion von  Grundfragen der Psychologie durch Jochen Fahrenberg

Am Anfang der Psychologie als Wissenschaft, die ihren Platz an der Universität beansprucht, steht ein Verdikt Immanuel Kants, nach welchem die Psychologie eine „exakte“ Wissenschaft nicht sein könne. Er sagt: „Ich behaupte aber, das in jeder besonderen Naturlehre nur so viel eigentliche Wissenschaft angetroffen werden könne, als darin Mathematik anzutreffen ist … Noch weiter aber als Chemie [Anm.: die zu Kants Zeit ebenfalls nicht mathematisierbar war; H.-V.W], muß empirische Seelenlehre jederzeit von dem Range einer eigentlich so zu nennenden Naturwissenschaft entfernt bleiben, erstlich weil Mathematik auf die Phänomene des inneren Sinns und ihre Gesetze nicht anwendbar ist“ [alle Zi-tate nach Fahrenberg].  Die psychischen Phänomene, so fährt er sinngemäß fort – und er meint damit offenbar die Inhalte des Bewußtseinsstromes, im einfachsten Falle Gedanken und Vorstellungen –, lassen sich nicht voneinander abgrenzen, isolieren und konstruieren, ganz anders als Gegenstände im Raum, sondern sind beobachtbar lediglich in der Dimension der Zeit. Die Introspektion aber sei unzu-verlässig, und andere Personen könne man über ihre Erlebnisse nicht befragen, weil die Befragung selbst die Beobachtung beeinträchtige. Gleichwohl hat sich Kant nicht davon abhalten lassen, 30 Jahre lang eine Vorlesung „Anthropologie in pragmatischer Hinsicht“ zu lesen und diese 1798 schließlich zu veröffentlichen. Obwohl die Psychologie keine „exakte“ Wissenschaft sein könne, war Kant weit davon entfernt, ihr nicht als „empirische“ Wissenschaft und als praktische Menschenkunde, die auf „innerer Erfahrung“ und der Kenntnis des Lebens durch die Erfahrungen anderer (ihre Gewohnheiten, aber auch Reiseberichte, Schilderungen in Romanen, usw.) beruht, einen wissenschaftlichen Standort an der Universität einzuräumen.
Die Gründerväter der Psychologie – genannt werden zumeist Herbart, Weber, Fechner, Wundt – haben sich auf komplizierten Wegen mit dem Verdikt Kants auseinandergesetzt und ihm zuwider das Zählen und Messen, zunächst auf dem Gebiet der Psychophysik, als Methoden der Psychologie etabliert. Die experimentelle Psychologie war geboren, und ihre Geburtsstunde wird mit der Gründung des ersten psychologischen Laboratoriums 1879 durch Wilhelm Wundt in Leipzig angegeben. Unter experimen-tell und im erweiterten Sinne „empirisch“ wird nach einer langen Entwicklung heute verstanden, daß eine psychologische Fragestellung so formuliert sein muß, daß sie mit Hilfe bestimmter methodischer Strategien, deren ideales Vorbild das Experiment (experimentum crucis) ist, geklärt werden kann. Diese Auffassung von psychologischer Empirie ist in ihrem Kern einfach und überzeugend. Man kann ihr nicht widersprechen, ohne sich des Obskurantismus verdächtig zu machen. Die Kehrseite dieses empirischen Unternehmens ist allerdings ebenfalls offensichtlich: als wissenschaftliche psychologische Fragestellung kommt nur in Betracht, was sich der vorgegebenen Methodologie, den Operationalisierungen und den statistischen Hilfsmitteln  unterwerfen läßt. Damit fallen weite Berei-che dessen weg, was an der Psychologie interessant sein könnte und was man – Kant folgend – in sei-ner umfassenden Frage „Was ist der Mensch?“ in dieser Wissenschaft anzutreffen hofft.

Das Surfen im Internet stößt manchmal auf Unerwartetes. In bescheidenen PDF-Dateien wird die ge-genwärtig dominierende Richtung  der Universitäts-Psychologie grundsätzlich in Frage gestellt.
Ungewöhnlich ist, daß es ausgerechnet ein als Empiriker ausgewiesener Psychologie-Professor ist, der die Lage der Psychologie analysiert und sie in ihren Grundüberzeugungen kritisiert. Er erinnert an die weitgehend vergessene bzw. nicht mehr zitierte psychologische Anthropologie Kants und unterzieht  die einseitige Wissenschaftskonzeption der Psychologie einer Kritik, die sich an den Leitgedanken des Gründervaters, Wilhelm Wundt, und dessen umfassender und multi-perspektivischer Wissenschafts-konzeption orientiert. In der bereits zu Wundts Lebzeiten deutlichen Distanzierung von seiner Kon-zeption und seiner Methodenlehre seien wichtige Gründe für die wiederkehrende Diagnose grundsätz-licher „Krisen“ und Fehlentwicklungen der Psychologie, für die anhaltenden Verständigungsschwie-rigkeiten sowie die Abspaltung von Forschungsrichtungen zu erkennen.

Jochen Fahrenberg ist durch seine experimentellen Arbeiten auf dem Gebiet der Psychophysiologie sowie durch sein in Forschung und Anwendung weit verbreitetes Freiburger Persönlichkeits-Inventar (FPI) bekannt. 1973 wurde er als Nachfolger von Robert Heiß auf das Ordinariat für Psychologie der Universität Freiburg/Breisgau berufen und 2002 emeritiert.
In einem 2008 in dem „e-Journal Philosophie der Psychologie“ ins Netz gestellten Aufsatz „Die Wis-senschaftskonzeption der Psychologie bei Kant und Wundt“ (3) stellt Fahrenberg Kant als den be-deutendsten Psychologen in der Zeit nach John Locke und vor Wilhelm Wundt heraus und seine „Anthropologie in pragmatischer Hinsicht“ als erstes vorbildhaftes Lehrbuch der Psychologie. Kant habe zwischen physiologischer Anthropologie und pragmatischer Anthropologie unterschieden. Mit der ersteren, aus der thematisch die spätere neuro-psycho-physiologische Forschung hervorging, habe er sich nicht befasst, da der Mensch „die Gehirnnerven und Fasern nicht kennt, noch
sich auf die Handhabung derselben zu seiner Absicht versteht“. Die zweite, die in Kants Dreihun-dertseiten-Werk dominiert, ist für Fahrenberg deswegen so bedeutsam, weil Kant hier die Grundthe-men der Anthropologie ( = Psychologie) als einer Vermittlungswissenschaft zwischen den Natur-, Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften anschlägt. Damit habe Kant ein Feld abgesteckt, das von seinen Nachfolgern und besonders von der heutigen Universitäts-Psychologie nur sehr begrenzt als interdisziplinäre Arbeitsaufgabe angenommen wurde. Kant als Wegweiser zu einer psychologischen Anthropologie wurde fast völlig vergessen.

Ähnliches geschah mit Wilhelm Wundt. Er wurde zwar nicht vergessen, aber erinnert wurde nur der Wundt der „Grundzüge der physiologischen Psychologie“ (1874). Der Wundt der Logik der Geis-teswissenschaften, d.h. der Wissenschaftslehre einschließlich Interpretationslehre (1906-1908) und der „Völkerpsychologie“ (1900-1920) dagegen gewann keinen nachhaltigen Einfluß auf die weitere Entwicklung des Faches. Wundt unterschied zwischen einfacheren und höheren psychischen Vor-gängen und war überzeugt, daß die höheren Seelentätigkeiten nicht experimentell untersucht werden könnten, sondern dafür eine eigene Methodik erforderlich sei. Er schrieb: „Demnach verfügt die Psy-chologie, ähnlich der Naturwissenschaft, über zwei exakte Methoden: die erste, die experimentelle Methode, dient der Analyse der einfacheren psychischen Vorgänge; die zweite, die Beobachtung der allgemeingültigen Geisteserzeugnisse, dient der Untersuchung der höheren psychischen Vorgänge und Entwicklungen.“ – „Als die Hauptaufgabe der Wissenschaften, deren Objekte geistige Vorgänge und geistige Erzeugnisse sind, betrachten wir es, daß sie uns diese Objekte verstehen lehren. Die Me-thode aber, die ein solches Verständnis vermitteln soll, nennen wir die Interpretation“. Diese unter-liegt ebenfalls wissenschaftlichen Kriterien und Prinzipien: „Zum Interpretationsprozeß gehören das Hineindenken in das psychische Objekt, Aufstellung leitender Hypothesen und ein Prozeß allmähli-cher Vervollkommnung der Interpretation durch Kritik“. Auf diese Weise kann die Psychologie zu einer Grundlagenwissenschaft auch der übrigen Geisteswissenschaften werden, wodurch ihr eine äu-ßerst anspruchsvolle Aufgabe gestellt wird. Wundt hat die Prinzipien der Interpretation, welche er als grundlegend für die Geisteswissenschaften, aber auch für die „Psychologie als empirische Geistes-wissenschaft“ ansah, in einer „Interpretationslehre“ ausgearbeitet und sie – etwas versteckt – in der dritten und vierten Auflage und im hinzugefügten dritten Band seiner „Logik“ 1906-1908 veröffent-licht. Fahrenberg hat sie in seiner Arbeit „Wilhelm Wundts Interpretationslehre“ (5) vorgestellt und erläutert.
Fahrenberg zufolge ist Wundt als Theoretiker der Grundlagen der Psychologie bis heute weder über-holt noch überboten. „Wundt vertrat einen Methodenpluralismus und entwickelte neben der Experi-mentalpsychologie eine psychologische Interpretationslehre, insbesondere für seine umfangreiche Kulturpsychologie. Er definierte die Psychologie als eine empirische Geisteswissenschaft, die zwar z.T. physiologische Methoden als Hilfsmittel verwendet, jedoch grundsätzlich nicht mit einer natur-wissenschaftlichen Kausalforschung verwechselt werden darf.
Wundt empfahl als epistemische Grundhaltung einen psychophysischen Parallelismus im Sinne eines heuristischen bzw. methodologischen Prinzips. Es folgt aus ihm, daß jede Form von Reduktionismus vermieden werden kann und soll. Geistige Prozesse müssen nicht auf Hirnvorgänge reduzierbar sein. Psychologie ist nur „perspektivisch“ möglich. Aus den unterschiedlichen Perspektiven kommen un-terschiedliche Aspekte und Forschungsfelder ins Blickfeld. Fahrenberg setzt den – hier nur skizzier-ten – methodologischen Dualismus Wundts (im Hinblick auf Bewusstseinspsychologie und Neuro-physiologie) in Beziehung zu Niels Bohrs Begriff der Komplementarität, die aus den Widersprüchen des Welle-Korpuskel-Problems erwachsen ist, aber von Bohr auch für die wechselseitige Ergänzung kategorial grundverschiedener Beschreibungsebenen verwendet wurde. Daraus folgt keineswegs eine Beliebigkeit der Perspektiven. Die Forderung nach methodischer Strenge, nach Beweis und Kritik bleibt bestehen.
Mehrfach erwähnt Fahrenberg die „Interpretationsgemeinschaft“, wie sie etwa für die Psychoanalyse charakteristisch ist (z. B. als Intervisionsgruppen, zu denen sich die meisten Psychoanalytiker regel-mäßig zusammenfinden) als eine Form der „Vervollkommnung der Interpretation durch Kritik“, wie sie Wundt vorgeschwebt haben mag. Verlangt nicht auch die experimentalpsychologische Forschung eine sehr ähnliche Strategie, d.h. die Interpretation von speziellen Hypothesen, Operationalisierungen, Kontexten und Daten, also „Übersetzungen“ und kritische Erörterungen der oft sehr inkonsistenten Befunde?
Heute ist fast völlig vergessen, dass Wundt aufgrund seiner Forschungsvorhaben in beiden Metho-   denrichtungen, im experimentell-statistischen Paradigma und im interpretativen Paradigma sehr erfah-ren war. Könnte es heute fachpolitisch unangenehm sein, korrekt zu erinnern, dass er zugleich Hermeneutiker und Experimentalpsychologe war, und dass er es ablehnte, Psychologie als eine Naturwissenschaft zu bezeichnen? Befürchtete er doch, dass sich die neue Psychologie bei einer Tren-nung von der Philosophie (insbesondere Erkenntnistheorie und Ethik) auf ein blosses Handwerk redu-zieren würde.
Wer sich mit Wundts Werk und seiner originellen Wissenschaftskonzeption näher beschäftigt, meint Fahrenberg, wird sich dem Eindruck nicht entziehen können, daß Wundts perspektivische Auffassung des Menschen epistemologisch und methodologisch ausführlich begründet war; sein nahezu universel-les Wissen in einem umfassenden theoretischen Horizont – und sein Anspruch auf breite Geltung der Psychologie als empirische Geisteswissenschaft – seien später kaum mehr erreicht worden.

Kant und Wundt haben – so könnte man sagen – eine Vision gemeinsam, die Vision einer umfassen-den und wesentlich auch psychologischen Anthropologie. Dieses Programm einer interdisziplinären Anthropologie, welches Fahrenberg sich zu eigen macht, verlangt ihm zufolge die gleichberechtigte Auffassung der Beiträge einerseits der biologischen und neurowissenschaftlichen Psychologie, ande-rerseits aber auch der geisteswissenschaftlichen, der phänomenologischen und der tiefenpsychologi-schen Psychologie, wie sie gegen Ende der 1960er Jahre an vielen psychologischen Instituten noch vertreten waren und in den nachfolgenden Hochschullehrergenerationen durch ein einseitiges Wis-senschaftsverständnis zunehmend verdrängt wurden.
In einer sehr viel umfangreicheren Fassung der „Wissenschaftskonzeptionen“ (4) setzt sich Fahrenberg konkret mit den Problemen der Studienreform des Faches Psychologie auseinander. Die Deutsche Gesellschaft für Psychologie, Fachgesellschaft vor allem der Psychologen an den Universi-täten, definiert die Psychologie als eine „empirische Wissenschaft“, die „Elemente der Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften“ vereine. Praktisch zeigen die neuen Curricula für die Bachelor- und Masterstudiengänge jedoch, daß die Methodenlehre der Experimentalpsychologie und Statistik das Studium bei weitem dominiert. An vielen Instituten fehlt eine fundierte Ausbildung in alltagsnahen Beobachtungsmethoden, Interview, Inhaltsanalyse und in der wohl als unwissenschaftlich geltenden Interpretationslehre (wie sie Wundt als erster Psychologe verfasste). Eine andere Konsequenz ist, dass der früher zeitweilig integrierte Bereich Psychoanalyse und Tiefenpsychologie aus den psycho-logischen Fachbereichen eliminiert wurde. Die Diskrepanz ist unübersehbar: kaum eine Absolventin, kaum ein Absolvent des Psychologie-Studium wird in der Berufspraxis naturwissenschaftlich-experimentell arbeiten. Die Vorzüge des wissenschaftlichen Trainings in experimenteller Methodik rechtfertigen nicht den Verzicht auf ein gründliches Training der praktisch wichtigeren Interpretati-onsmethodik.

Viele Hochschullehrer verstünden die Psychologie vorwiegend als Naturwissenschaft, und Fahrenberg diskutiert die Berechtigung dieses Anspruches. Er kommt zu dem Ergebnis, daß empiri-sche Psychologie höchstens in den schmalen Grenzbereichen zur Physiologie als quasi-naturwissenschaftliche Disziplin gelten könne. An Beispielen aus seinem eigenen psychophysiologi-schen Forschungsfeld zeigt er, daß „psychologische Forschungsrichtungen, die auf den ersten Blick eindeutig experimentell-, verhaltens- bzw. naturwissenschaftlich zu sein scheinen, in zentraler Weise durch die individuelle Bewertung der Stimuli, der Laboraufgabe und des sozialen Kontexts beein-flußt sind.“  Hier sei einer der Gründe für die sehr verbreitete Inkonsistenz  der empirischen Befunde zu wichtigen theoretischen Kontroversen  und  für das geringe systematische Wachstum „gesicher-ter“ Sachverhalte zu suchen.   – „Die Psychologie in ihrem Programm und ihrer Methodik als eine vorwiegend naturwissenschaftliche Disziplin sehen zu wollen, ist einfach unrealistisch, hinsichtlich ihrer Berufspraxis sogar eine völlige Fehleinschätzung“. In der Berufspraxis der Psychologen, kei-neswegs nur in der Klinischen Psychologie, wird ganz überwiegend interpretativ gearbeitet, wofür im Studium nur wenige methodische Grundlagen gelegt werden.

Im Weiteren setzt sich Fahrenberg mit dem Verständnis der Psychologie als Verhaltenswissenschaft, als Sozialwissenschaft und als Geisteswissenschaft auseinander. Seine respektvolle Einschätzung der Psychoanalyse kommt in folgendem Satz zum Ausdruck: „Die Interpretationslehre in den Geistes-wissenschaften und die Psychoanalyse stimmen darin überein, daß Bedeutungen nicht sofort und nicht an der Oberfläche hervortreten, sondern aktiv gesucht werden müssen.“ Er fordert für das Uni-versitätsfach Psychologie: „Wesentlich sind die Fokussierung auf das Subjekt des Bewußtseins und Handelns, auf Subjektivität und Intentionalität und – auch als mögliche Kontrolle zu verstehen – die generelle Reflexivität des Interpreten bzw. Untersuchers in diesem Prozeß. Geisteswissenschaftliche Elemente würden sich konkret darin zeigen, daß bereits im Grundstudium die grundlegenden Metho-den der Geisteswissenschaften, d.h. die Interpretationslehre von Texten und Werken, sowie einge-hend auch die biographische Methode, unterrichtet werden.“ – Dieser Satz kann auch von jedem Psychoanalytiker unterschrieben werden! – Fahrenberg fordert die Zurückgewinnung des Methoden-pluralismus, d.h. der Fähigkeit zum Perspektivenwechsel, im Sinne Wundts und des Komplementaritätsprinzips im Sinne Bohrs für die Psychologie. Die Grundprinzipien der Wissen-schaftlichkeit sollen dabei gewahrt bleiben, die er anhand von Stegmüller benennt: Bemühen um sprachliche Klarheit und intersubjektive Verständlichkeit; Möglichkeit der Überprüfung durch andere Wissenschaftler; Bemühen um rationale und empirische Argumente für jede Aussage. Schließlich bedauert Fahrenberg die Trennung von Psychologie und Philosophie, durch die Eliminierung des „Nebenfaches“ Philosophie seit den 1980er Jahren. Wesentliche Grundannahmen der Psychologie seien – wie u.a. von Collingwood auch für die Naturwissenschaften dargelegt – durchweg von philo-sophischen Vorentscheidungen abhängig, so daß die Reflexion der speziellen Voraussetzungen auf einer philosophischen Metaebene unabdingbar sei (ausführlicher dazu Walach, auf den Fahrenberg verweist: Psychologie.  Wissenschaftstheorie, philosophische Grundlagen  und Geschichte. Kohl-hammer Stuttgart 2005/2010).

Fahrenberg hat seine Vorstellungen über einige Hauptthemen der von ihm intendierten psychologi-sche Anthropologie in einem Arbeitsbuch für Studierende mit dem Titel „Annahmen über den Men-schen – Menschenbilder aus psychologischer, biologischer, religiöser und interkultureller Sicht – Texte und Kommentare zur Psychologischen Anthropologie“ (1) veröffentlicht. Besonders bemer-kenswert ist, daß er seine „Menschenbilder“ mit Zitaten aus den Werken von Psychotherapeuten be-ginnen läßt, allen voran aus denen von Sigmund Freud. Die Besprechung dieses Werkes würde leider den für diese Rezension gewählten Rahmen sprengen.
Fahrenberg ist kein polemischer Autor. Seine Ansichten trägt er dezidiert, aber mit Respekt vor den Meinungen anderer vor. Er bedient sich sehr häufig des Fragezeichens als Aufforderung zum Nach-denken über eines der vielen Themen, die er anspricht und welche hier nicht vollständig aufgezählt  werden können.
Man kann Fahrenbergs Revision der Psychologie – im Sinne von Rückblick auf die souveräne Wis-senschaftskonzeption Wundts und dessen Voraussicht auf programmatische Fehlentwicklungen – nur als äußerst diskussionswürdig einschätzen. Mit Hilfe des Rückgriffs auf die Anthropologie Immanuel Kants und die „monistische Perspektivität“ Wundts erweitert er das Themen- und Forschungsfeld, welches sich in den letzten Jahrzehnten im universitären Mainstream gravierend verengt hat. In seiner Sicht haben Psychoanalyse und Tiefenpsychologie darin einen wesentlichen Ort als Interpretati-onswissenschaften und als eine der Hauptströmungen des Faches. Seine gründlichen Erörterungen bieten nicht zuletzt ein wohl kaum überbietbares Material für die universitäts- und berufspolitischen Diskussionen der Gegenwart und näheren Zukunft.

Literatur von Jochen Fahrenberg

1) Annahmen über den Menschen. Menschenbilder aus psychologischer, biologischer, religiöser und interkultureller Sicht. Texte und Kommentare zur Psychologischen Anthropologie. 2003 (2. Aufl. 2008). Asanger Verlag GmbH Kröning

2) Menschenbilder (2007)
Psychologische, biologische, interkulturelle und religiöse Ansichten. Psychologische und Interdiszip-linäre Anthropologie.
Fahrenberg, J. (2007). e-book auf dem PsyDok Dokumentenserver der Universität des Saarlandes (Virtuelle Fachbibliothek Psychologie).
URL: http://psydok.sulb.uni-saarland.de/volltexte/2007/981/
außerdem auf Homepage http://www.jochen-fahrenberg.de

3) Die Wissenschaftskonzeption der Psychologie bei Kant und Wundt (2008)
In: e-Journal Philosophie der Psychologie 10 (2008), http://www.jp.philo.at/texte/FahrenbergJ2.pdf
außerdem auf Homepage http://www.jochen-fahrenberg.de  

4) Die Wissenschaftskonzeptionen der Psychologie bei Kant und Wundt als Hintergrund heutiger Kontroversen. Struktureller Pluralismus der Psychologie und Komplementaritätsprinzip. Defizite der Philosophischen und Psychologischen Anthropologie und ein Plädoyer für eine interdisziplinäre Anthropologie. (2008)
URL: http://psydok.sulb.uni-saarland.de/volltexte/2008/1557/
außerdem auf Homepage http://www.jochen-fahrenberg.de

5 ) Wilhelm Wundts Interpretationslehre (2008)
Fahrenberg, J. (2008). Wilhelm WUNDTs Interpretationslehre. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 9(3), Art. 29
http://www.qualitative-research.net/index.php/fqs/article/view/1151/2565

Prof. Dr. Hans-Volker Werthmann
Wiesbaden 2010

Anmerkung:
Fahrenberg hat seine Wundtforschung durch einen weiteren Band (auf seiner Web-Site) ergänzt, in welchem er untersucht, warum der Ansatz Wundts von seinen Nachfolgern nicht fortgesetzt wurde.

Schliesslich hat er einen umfangreichen Aufsatz über Wundt bei der „Psychologischen Rundschau“ einge-reicht, die ihn – wie er mir schrieb – angenommen hat. Sollte also demnächst erscheinen. Er ist sehr wissenschaftlich beschrieben, seine Sprengkraft erschliesst sich erst durch gründliches Lesen.

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