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Faszination Magersucht

Veranstalter: X

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Datum / Ort

Faszination Magersucht

Faszination Magersucht

Eine Veranstaltung von IDPAU e.V.

Mit Dr. Elisabeth Imhorst

02. September 2013 / Bergische Universität Wuppertal

„Hun­ger ermög­licht es Mau­ern um das Ich zu bau­en“, zitier­te Frau Dr. Imhorst aus der Lite­ra­tur von
Chris­ti­na von Braun, einer Kul­tur­theo­re­ti­ke­rin, Autorin und Fil­me­ma­che­rin. Neben einem Ein­blick in den kul­tur­wis­sen­schaft­li­chen Ansatz von Chris­ti­na von Braun, stell­te Frau Dr. Imhorst am 02.09.2013 an der Ber­gi­schen Uni­ver­si­tät Wup­per­tal trieb­psy­cho­lo­gi­sche und objekt­theo­re­ti­sche Frag­men­te zum The­ma Mager­sucht vor. Beson­ders die abschlie­ßen­den Fall­ge­schich­ten brach­ten die Pro­ble­ma­tik die­ser schwe­ren Erkran­kung einfühlend näher.

Mager­sucht ist eine schwer behan­del­ba­re, bei Außen­ste­hen­den häu­fig mit Fas­zi­na­ti­on, Angst und Irri­ta­ti­on verknüpfte und mit einer hohen Sterb­lich­keits­ra­te ver­bun­de­ne psy­chi­sche Erkran­kung. Sie bricht in der Puber­tät aus, was sie von einer Buli­mie unter­schei­det, die in der Ado­les­zenz ent­steht. Aus­ge­hend von die­sen unter­schied­li­chen Ent­wick­lungs­pha­sen ent­ste­hen für die Betrof­fe­nen ver­schie­de­ne Ent­wick­lungs­auf­la­gen, die Stör­po­ten­tia­le ent­fal­ten und in einer die­ser Ess­stö­run­gen münden kön­nen. Für die Puber­tät ist die Ver­än­de­rung des Kör­pers ein wesent­li­cher Aspekt. Das inne­re Bild von sich Selbst wird ver­än­dert und die damit ver­bun­de­ne Inte­gra­ti­on des sexu­el­len Kör­pers kann als ers­te Auf­ga­be die­ser Pha­se ver­stan­den wer­den. Es wird hier­bei eine inne­re Fähig­keit gefor­dert, die­se Ver­än­de­run­gen anneh­men zu kön­nen. Auch das Körpergefühl, wel­ches die Eltern dem Kind seit der Geburt zum Bei­spiel in der Art der Betrach­tung des Kör­pers des Kin­des mit­ge­ben, ist hier von Bedeu­tung. Die anschlie­ßen­de Auf­ga­be besteht in der Lösung der nahen Bin­dung zu den Eltern, was häu­fig von einem wehmütigen Grundgefühl bezüglich der stei­gen­den Unab­hän­gig­keit und der Ent­fer­nung zu den Eltern beglei­tet wird. Die Bezie­hun­gen zu Gleich­alt­ri­gen sind nun sehr wesent­lich und hel­fen bei der Wei­ter­ent­wick­lung, da sich Mäd­chen und Jun­gen unter­ein­an­der ver­glei­chen, was bei­spiel­wei­se bei Mäd­chen mit Schmin­ken oder shop­pen und bei Jun­gen mit Sport ver­wirk­licht wer­den kann. Ver­läuft die­se Los­lö­sung von den Eltern gut, wird sie wenig wahr­ge­nom­men und die ers­te Sexua­li­tät folgt. Zudem hat auch kul­tur­theo­re­tisch betrach­tet das Essen eine gro­ße Bedeu­tung. In ver­schie­de­nen Kul­tu­ren wird Essen als Syn­onym für Geschlechts­ver­kehr ver­stan­den. Sexu­el­le The­men kön­nen des­halb leicht durch Essens-The­men ersetzt wer­den, wenn unlös­bar erschei­nen­de unbe­wuss­te Kon­flik­te eine regres­si­ve Bewe­gung in Gang set­zen. Über­dies hat auch die Nah­rungs­ver­wei­ge­rung eine lan­ge Tra­di­ti­on. Bereits im Mit­tel­al­ter haben sich wohl­ha­ben­de Frau­en ent­schlos­sen, ins Klos­ter zu gehen, und beson­ders durch eine Nah­rungs­ver­wei­ge­rung erfuh­ren sie Ver­eh­rung und Heiligkeit. 

Der Hun­ger­streik ist auch in der neue­ren Zeit ein immer noch sehr mäch­ti­ges poli­ti­sches Instru­ment. Nah­rungs­ver­wei­ge­rung kann als Ver­such der Erlan­gung von Auto­no­mie ver­stan­den wer­den, nichts und nie­man­den brau­chen zu müssen, was aber nicht mög­lich ist, denn allein Selbst­de­fi­ni­ti­on benö­tigt den Ande­ren zum Ver­gleich und zur Abgren­zung. Die Suche nach Unab­hän­gig­keit von Ande­ren kann als Auf­leh­nung gegen eine als ich-los wahr­ge­nom­me­ne Mut­ter ver­stan­den wer­den, als Abgren­zung gegen die Art, wie sich eine Mut­ter psy­chisch auf­gibt, die Art, wie sie als Frau lebt. Magersüchtige Töch­ter leh­nen es dem­nach nicht ab, erwach­sen zu wer­den, son­dern so zu wer­den wie ihre Mutter. 

Wir möch­ten uns noch ein­mal bei Frau Dr. Imhorst für ihren zwei­ten sehr inter­es­sant gestal­te­ten Vor­trag und auch bei den zahl­rei­chen Teil­neh­mern bedanken!